ADHS ist kein Erziehungsfehler.

Die meisten Eltern von Kindern mit ADHS tragen eine stille Frage mit sich herum: Habe ich etwas falsch gemacht? Die kurze Antwort: nein. Die längere Antwort lohnt sich, denn sie verändert, wie Sie mit den Blicken von außen und mit sich selbst umgehen.

Woher die Schuldgefühle kommen

ADHS ist von außen unsichtbar. Sichtbar ist nur das Verhalten: das Kind, das im Unterricht dazwischenruft, die vergessene Mappe, der Wutanfall im Supermarkt. Und für Verhalten hat unsere Umgebung eine schnelle Erklärung parat: Erziehung. Der Kommentar der Schwiegermutter, der Blick der anderen Eltern am Elternabend, der Satz der Lehrkraft, „zu Hause müsste man da mal konsequenter sein".

Dazu kommt die innere Stimme. Eltern vergleichen sich, auch wenn sie es nicht wollen. Wenn beim Nachbarskind Hausaufgaben ohne Drama laufen, liegt der Schluss nahe, dass man selbst etwas falsch macht. Dieser Schluss ist verständlich. Er ist trotzdem falsch.

Was ADHS wirklich ist

ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsbesonderheit mit starker erblicher Komponente. Das Gehirn verarbeitet Motivation, Belohnung und Impulskontrolle anders. Kein Erziehungsstil der Welt erzeugt ADHS, und keiner erzieht es weg. Wer Ihnen etwas anderes erzählt, hat den Forschungsstand der letzten Jahrzehnte verpasst.

Sie haben ADHS nicht verursacht. Aber Sie können verändern, wie es sich anfühlt.

Genau hier liegt der wichtige Unterschied zwischen Schuld und Verantwortung. Schuld fragt: Wer hat das verbockt? Diese Frage führt nach hinten und zu nichts. Verantwortung fragt: Was mache ich jetzt damit? Das Umfeld entscheidet nicht darüber, ob ein Kind ADHS hat. Aber es entscheidet massiv mit, ob aus einem Kind mit ADHS ein Jugendlicher wird, der sich für kaputt hält, oder einer, der seinen Kopf versteht und nutzen kann.

Was Ihnen den Rücken freihält

  • Sortieren Sie die Stimmen. Ratschläge von Menschen, die ADHS für eine Modediagnose halten, dürfen Sie freundlich ignorieren. Sie müssen Ihre Familie nicht vor Publikum rechtfertigen.
  • Suchen Sie Eltern, die es kennen. Ein einziges Gespräch mit Eltern, die dasselbe erleben, entlastet mehr als zehn gut gemeinte Tipps von außen. Selbsthilfegruppen und Elterntrainings gibt es in fast jeder Region.
  • Holen Sie sich Wissen. Je besser Sie verstehen, was im Kopf Ihres Kindes passiert, desto weniger Raum bleibt für Schuld. Wissen ersetzt Grübeln durch Handeln.
  • Gestehen Sie sich schlechte Tage zu. Sie dürfen erschöpft sein, genervt sein, Fehler machen. Ein Elternteil, das sich selbst verzeiht, bringt einem Kind bei, sich selbst zu verzeihen. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion überhaupt bei ADHS.

Der Blick nach vorn

Ihr Kind braucht keine perfekten Eltern. Es braucht Eltern, die verstehen wollen statt zu urteilen, und die an seiner Seite bleiben, wenn es gerade selbst nicht an sich glaubt. Wenn Sie diesen Text bis hierher gelesen haben, sind Sie ziemlich genau diese Sorte Eltern.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung. Anlaufstellen finden Sie zum Beispiel über Kinder- und Jugendärzte, Erziehungsberatungsstellen oder ADHS-Elternverbände.

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