Sätze, die ankommen. Und Sätze, die alles schlimmer machen.

Kinder mit ADHS hören über die Jahre tausende Ermahnungen mehr als andere Kinder. Irgendwann hört ihr Gehirn bei bestimmten Sätzen einfach zu, bevor der Inhalt ankommt. Die gute Nachricht: Es sind oft nur wenige Worte Unterschied.

Warum Worte hier so viel wiegen

Jedes Kind führt unbewusst ein Konto darüber, wie über es gesprochen wird. Bei Kindern mit ADHS ist dieses Konto chronisch im Minus: vergessene Hausaufgaben, Ermahnungen in der Schule, genervte Blicke zu Hause. Deshalb wirken Sätze, die für andere Kinder harmlos wären, hier wie ein weiterer Eintrag auf der Sollseite.

Die Grundregel für fast alle gelungenen Sätze: beschreiben statt bewerten, und das Problem vom Kind trennen. Nicht das Kind ist das Problem. Der Anfang ist das Problem, das Chaos, die volle Woche. Gegen ein Problem kann man sich verbünden. Gegen eine Bewertung kann man sich nur verteidigen.

„Streng dich doch einfach mal an."

„Womit fangen wir an? Such dir das kleinste Stück aus."

Anstrengung ist nicht der Engpass, der Einstieg ist es. Dieser Satz macht aus einem Berg eine erste Stufe.
„Du könntest doch, wenn du nur wolltest."

„Ich sehe, dass der Anfang gerade schwer ist. Das liegt nicht an deinem Willen."

Der alte Satz unterstellt Absicht. Der neue nimmt die Scham raus, und Scham ist der größte Startblocker überhaupt.
„Schon wieder vergessen? Wie oft denn noch?"

„Okay, das System hat versagt, nicht du. Wo müsste die Erinnerung stehen, damit du sie siehst?"

Vergessen ist bei ADHS ein Speicherproblem, kein Charakterproblem. Suchen Sie gemeinsam nach einem besseren System.
„Ohne dein Handy wärst du längst fertig."

„Was brauchst du, damit der Anfang leichter wird?"

Das Handy ist meist Flucht vor dem schweren Einstieg, nicht die Ursache. Die Frage zielt auf das echte Problem.
„Aus dir wird nie was, wenn das so weitergeht."

„Heute war hart. Morgen fangen wir kleiner an."

Zukunftsdrohungen erzeugen Angst, und Angst blockiert genau die Hirnfunktionen, die Ihr Kind zum Arbeiten braucht.

Der Satz, der am meisten verändert

Es gibt einen Satz, der mehr bewirkt als alle Formulierungshilfen zusammen, weil er das Kritik-Konto direkt ausgleicht: ehrliches, konkretes Lob für den Anfang. „Stark, dass du angefangen hast." Nicht für die Note, nicht für das fertige Ergebnis, sondern für den Moment, der Ihr Kind am meisten Kraft kostet.

Und wenn Ihnen doch einmal ein Satz aus der linken Spalte rausrutscht: Das passiert allen Eltern. Entscheidend ist die Reparatur danach. „Das eben war unfair, tut mir leid" kostet zehn Sekunden und zahlt direkt auf das Konto ein, auf das es ankommt.

Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

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